"Geschäftsmann" - aus dem Projekt Säulenheilige des Künstlers Christoph Pöggeler, Joseph Beuys Ufer Düsseldorf

„Geschäftsmann“ – aus dem Projekt Säulenheilige des Künstlers Christoph Pöggeler, Joseph Beuys Ufer Düsseldorf

Urbane Lyrik & Fotografie: Zwischen Erhöhung und Wirklichkeit

Geschäftsgang

Der Säulenheilige „Geschäftsmann“ steht erhöht, geschniegelt, mit Aktenkoffer. Eine Figur des Vorankommens, des Zielgerichteten, des permanenten Unterwegsseins. Sein Blick scheint in die Ferne gerichtet, dorthin, wo Entscheidungen getroffen und Abschlüsse gemacht werden. Die Erhöhung verleiht ihm Würde, fast etwas Sakrales – als wäre das Geschäft selbst zur Glaubensfrage geworden.

Unter ihm jedoch organisiert sich ein anderes Geschäft. Provisorisch, direkt, bodennah. Die mobilen Toiletten, mit Graffiti überzogen, tragen Spuren von Nutzung, Aneignung, Alltag. Daneben ein Mann, vertieft in seine bevordtehende Handlung, die hier keinen Titel trägt und doch notwendig ist  – nur ohne Podest.

Die Fotografie bringt beide Ebenen zusammen, ohne sie zu kommentieren. Der Geschäftsmann bleibt distanziert, das Geschehen unter ihm bleibt funktional. Und doch verbindet sie mehr als trennt: Beide stehen für Formen des Hantierens mit der Stadt, für Abläufe, die selten sichtbar werden, wenn sie funktionieren.

So entsteht eine leise Ironie. Nicht aus Spott, sondern aus Gegenüberstellung. Das Geschäft hat viele Gesichter, und nicht alle tragen Anzug. Manche stehen oben, andere halten unten den Betrieb am Laufen. Die urbane Lyrik dieses Bildes liegt genau in dieser stillen Erkenntnis.

Oben und unten

Säulenheilige "Das Paar II" des Düsseldorfer Künstlers Christoph Pöggeler nahe der Tonhalle, Hofgartenrampe an der Oberkasseler Brücke

Säulenheilige „Das Paar II“ des Düsseldorfer Künstlers Christoph Pöggeler nahe der Tonhalle, Hofgartenrampe an der Oberkasseler Brücke

Dieses Foto  zeigt die Skulptur „Säulenheilige – Das Paar II“ von Christoph Pöggeler, positioniert auf einem hohen Sockel, sichtbar über die Stadt erhoben. Zwei Figuren, einander zugewandt, in einem Moment stiller Nähe fixiert. Die Arbeit ist Teil des urbanen Raums und zugleich bewusst von ihm distanziert – Kunst als Beobachter, nicht als Teilnehmer. Die Fotografie jedoch hebt diese Trennung auf.

Im unteren Bildbereich tritt eine zweite Realität in Erscheinung: ein umgekippter Einkaufswagen, gefüllt mit Kleidung und Alltagsgegenständen eines obdachlosen Menschen. Kein Körper ist zu sehen, doch die Abwesenheit ist präsent. Der Wagen markiert einen temporären Ort, ein mobiles Zuhause, das jederzeit weitergeschoben oder verdrängt werden kann. Er steht in scharfem Kontrast zur Dauerhaftigkeit der Skulptur über ihm.

Diese Gleichzeitigkeit ist kein Zufall, sondern Ausdruck urbaner Wirklichkeit. Städte produzieren Bilder, in denen Erhöhung – wie die Säulenheiligen – und Marginalisierung – etwa Obdachlosigkeit – räumlich nahe beieinanderliegen, ohne sich zu berühren. Die Säulenheiligen und der Einkaufswagen teilen denselben Ort, jedoch nicht dieselbe Sichtbarkeit. Die Mauer dazwischen, überwuchert von Grün und beschriftet mit Graffiti, wird zur Grenze wie zur Verbindung – ein Speicher urbaner Spuren.

Urbane Lyrik entsteht hier nicht durch Ästhetisierung, sondern durch Konfrontation. Die Fotografie ordnet nicht, sie kommentiert nicht, sie arrangiert nicht neu. Sie hält fest, was bereits vorhanden ist. In dieser Zurückhaltung liegt ihre essayistische Kraft: Das Bild fordert zur Betrachtung auf, nicht zur schnellen Deutung.

Der Blick pendelt zwischen oben und unten, zwischen Kunst und Überleben, zwischen Stillstand und Bewegung. Die Säulenheiligen-Skulptur verkörpert Dauer und Nähe, der Einkaufswagen Prekarität und Improvisation. Beide sind Teil desselben Stadtraums, desselben Moments, desselben Bildes.

Diese Fotografie zeigt Lebenswirklichkeiten nicht als Gegensätze, sondern als Koordinaten eines komplexen Gefüges. Das Gedicht der Stadt entsteht nicht aus Harmonie, sondern aus der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren.



Beitrag veröffentlicht am 27.12.2025




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© THOMAS KLINGBERG


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