Lyriker Rainer Stolz, Berlin

Lyriker Rainer Stolz, Aufnahme von 2012
Berliner Poesiefrühling 2012

Lyriker Rainer Stolz: Gedichte, die genau hinschauen

Rainer Stolz gehört zu den leisen, aber eindrucksvollen Stimmen in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Seine Gedichte sind aufmerksam und konzentriert. In wenigen Worten fängt er alltägliche Beobachtungen ein – präzise, ruhig und mit einem feinen Gefühl für Sprache.

Stolz wurde 1966 in Hamburg geboren und lebt seit den 1990er-Jahren in Berlin. Die Stadt spielt in vielen seiner Texte eine wichtige Rolle – nicht nur als Kulisse, sondern oft fast wie eine Figur, mit der man in Beziehung tritt. In seinem Gedichtband Während mich die Stadt erfindet (2007) wird Berlin in all seinen Facetten sichtbar: mit Straßenlärm, Menschen, Plakatwänden und kleinen Zufällen des Alltags. Die Texte sind ruhig, klar und hinterlassen Spuren beim Lesen.

Die Gedichte von Rainer Stolz sind oft kurz, aber niemals oberflächlich. Er nutzt verschiedene Formen – klassische Lyrik, Haikus, Aphorismen oder auch visuelle Poesie. Dabei bleibt er immer nah an der Wirklichkeit. Es sind keine großen Geschichten, sondern kleine, verdichte Momente: ein Blick, ein Gedanke, eine Szene auf der Straße, die sich plötzlich in etwas Poetisches verwandelt. In “Spötter und Schwärmer – Haiku-Vogelporträts” von 2012 bringt Rainer Stolz Vögel in feinen, präzise beobachteten Haikus zum Sprechen. Dabei verrät er nie direkt, um welche Vogelart es sich handelt, Leser dürfen es selbst herausfinden. Ein vergnüglicher Rätselpaß mit Witz, Naturbezug und Sprachkunst.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit engagiert sich Stolz seit vielen Jahren in der Literaturvermittlung: Er gibt Schreibkurse, organisiert Lyrikveranstaltungen, arbeitet mit Schulen und kulturellen Einrichtungen zusammen und verbindet somit Sprache und sozialen Raum.

Im Herbst 2024 erschien sein jüngster Gedichtband, “flüchtige ankünfte”, mit Gedichten aus den Jahren 2013 bis 2023. Viele dieser Texte spielen mit Sprache, Formen und Sichtweisen. Sie reagieren auf das, was in der Gesellschaft passiert, aber bleiben dabei immer poetisch. Einige Gedichte nutzen grafische Elemente oder brechen bewusst mit klassischen Strukturen – aber nie aus reiner Spielerei, sondern mit Sinn für das Wesentliche.

Rainer Stolz beweist, dass Lyrik auch heute eine Form sein kann, die unsere Zeit erfasst, eben nicht durch große Gesten, sondern durch das konzentrierte Sehen und Sagen. Seine Gedichte schenken Zeit zum Innehalten, zum Wiederlesen, zum immer wieder neu Entdecken. Und sie erinnern daran, dass Poesie nicht nur eine Kunstform ist, sondern eine Haltung zur Welt.

Auszug von Veröffentlichungen

Stuckbrüche
SuKuLTuR Verlag, 2006
– Eine Sammlung aus Kurzgedichten, Fundstücken, Notizen und Aphorismen. Kleine Formen, in denen Beobachtungen, Gedanken und Sprachspiele aufeinandertreffen.

Während mich die Stadt erfindet
Elfenbein Verlag, 2007
– Gedichte, die das urbane Leben – insbesondere in Berlin – in präzise, poetische Momentaufnahmen fassen. Ein lyrisches Debüt, das mit wachem Blick durch die Großstadt führt.

Spötter und Schwärmer. Haiku-Vogelporträts
Edition Krautgarten, 2012
– Haiku-inspirierte Kurzlyrik über Vögel. Humorvoll, leichtfüßig und zugleich genau beobachtend – Naturbetrachtungen mit poetischem Witz.

Selbstporträt mit Chefkalender
Horlemann Verlag, 2014
– Gedichte zwischen Alltagsbeobachtung und Selbstbefragung. Reflexionen über Zeit, Arbeit, Identität – sprachlich reduziert und prägnant.

flüchtige ankünfte
KLAK Verlag, 2024
– Eine Auswahl von Gedichten aus den Jahren 2013 bis 2023. Texte mit visuell gestalteten Sprachformen, Wortspielen und gesellschaftlicher Sensibilität. Eine poetische Bestandsaufnahme in Bewegung.



Beitrag veröffentlicht am 31.07.2025




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© THOMAS KLINGBERG


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