Kaiser-Wilhelm-Gedächtiskirche in Berlin nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz im Dezember 2016

Breitscheidplatz, Aufnahme von 2016
Vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

„Aus der Erschütterung entspringt ein Fluss” – Erinnerungen zum Breitscheidplatz

Am 19. Dezember 2016 wurde Berlin durch einen verheerenden Terroranschlag erschüttert. Ein Attentäter steuerte einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz und riss zwölf Menschen in den Tod, viele weitere wurden verletzt. Dieser brutale Akt der Gewalt traf mitten ins Herz der Stadt – direkt vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, einem Ort, der ohnehin schon als Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung gilt.

Einige Tage nach dem Anschlag besuchte ich diesen Ort der Trauer. Was ich vorfand, war ein Feld aus hunderten von Kerzen, Blumen, Botschaften und stiller Anteilnahme. Menschen verweilten dort in Stille, hielten inne, suchten Trost und versuchten, das Unfassbare zu begreifen. Es entstand diese dokumentarische Fotografie.

Besonders eindrücklich fand ich im Moment der Aufnahme das Kind, das auf dem Bild gerade aus dem Bildrahmen läuft – als ob es die Schwere des Moments nicht erfassen muss oder darf. Es steht wie ein Kontrapunkt zur Trauer: ein Symbol für das Leben, das weitergeht, für die Unschuld, die noch nicht verletzt wurde – und für unsere Verantwortung, dass sie es möglichst nie wird. Inmitten der Stille ist dieses rennende Kind vielleicht der lauteste Ausdruck von Hoffnung. Und doch lässt sich das Bild auch anders lesen: als ein Davonlaufen. Als eine Bewegung weg vom Schmerz, von der kollektiven Erinnerung, von einer Welt, in der solche Taten überhaupt möglich sind. Vielleicht spiegelt sich in diesem kindlichen Impuls auch etwas, das wir als Erwachsene gut kennen – der Wunsch, den Schmerz hinter uns zu lassen, nicht hinzusehen, uns zu entziehen.

Gemeinsam mit der Autorin Susanne Schmidt wollten wir mit unserer damaligen Kunstaktion „Poesie und Alltag“ einen Beitrag zur kollektiven Erinnerung und zum Innehalten leisten. Unsere Idee war es, die Sprachkraft der Poesie mit der dokumentarischen Kraft der Fotografie zu verbinden. Daraus entstand ein gemeinsames Kunstwerk, das als Text-Bild-Kombination an der Kirche ausgestellt wurde.

Im Zentrum stand Susanne Schmidts Gedicht, das sie eigens für diesen Anlass verfasst hatte:

Aus der Erschütterung entspringt ein Fluss.
Sein Name sei
Die Wehe
Zwölf Felsen säumen die Quelle.
Jeden Abend gießen wir Stille zwischen die Wellen.
Jeden Morgen baden Salamander im Uferlicht.

Dieses Gedicht ist mehr als ein poetischer Kommentar – es ist ein Versuch, aus Schmerz eine Form zu schaffen, aus Sprachlosigkeit einen Ausdruck. Es erinnert an die zwölf Toten, deren Verlust wie Felsen im Strom unserer Erinnerung stehen bleiben werden. Und es spricht von einer Hoffnung: dass aus der Erschütterung Bewegung entstehen kann. Dass es möglich ist, Stille und Licht zurückzubringen in einen Ort, der durch Gewalt verdunkelt wurde.



Beitrag veröffentlicht am 01.08.2025




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© THOMAS KLINGBERG


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