Ackerstraße 169 in Berlin-Mitte: Vom besetzten Haus zum Wohnprojekt

Berlin-Mitte ist heute geprägt von Glasfassaden, teuren Boutiquen und luxuriösen Eigentumswohnungen. Doch wer mit offenen Augen durch die Ackerstraße läuft, stößt auf ein Gebäude, das so gar nicht in das Bild des glattpolierten neuen Berlins passen will: die Ackerstraße 169.

Ackerstraße 169 in Berlin Mitte. No justice - no peace. Unided against racism

Ackerstraße 169

Von der Schokoladenfabrik zur Subkultur

Das Gebäude Ackerstraße 169 wurde 1881 als Mietshaus erbaut und steht exemplarisch für die enge Verbindung von Wohnen und Arbeiten, die das Berlin des späten 19. Jahrhunderts prägte. Diese typische „Mischstadt“-Struktur aus Vorderhauswohnungen und gewerblicher Nutzung im Hinterhof war in der wachsenden Industriestadt weit verbreitet, ist in Berlin-Mitte heute jedoch nur noch selten erhalten. Während in den Vorderhäusern Wohnungen entstanden, erhielt das Grundstück 1911 eine neue industrielle Funktion: Der Schokoladenfabrikant Julius Stullgys übernahm das Areal und richtete dort eine Schokoladenfabrik ein. In den folgenden Jahren wurden die Produktionsgebäude im Hof erweitert. Die Schokoladenproduktion bestand dort bis 1971 fort, wodurch sich die Ackerstraße 169 zu einem Ort entwickelte, an dem Wohnen und industrielle Produktion über Jahrzehnte hinweg unmittelbar nebeneinander existierten.

Der Geist der 90er: Besetzung und Aufbruch

Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde die Ackerstraße 169 im Sommer 1990 besetzt und zu einem Wohn- und Kulturprojekt erklärt. Aus dieser Besetzung heraus entwickelte sich in den frühen 1990er Jahren der „Schokoladen“ als selbstverwalteter Kulturort. In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen entstand hier ein Freiraum, der von Bewohnern und Kulturschaffenden gemeinsam aufgebaut wurde. Ziel war es, alternative Wohn- und Kulturstrukturen zu schaffen und einen Ort zu erhalten, der unabhängig von kommerziellen Interessen funktionieren konnte.

Die Ackerstraße 169 heute: Ein überlebendes Juwel

Während zahlreiche Haus- und Kulturprojekte der Nachwendezeit verschwanden, konnte sich der „Schokoladen“ langfristig behaupten. Das Projekt stand damals kurz vor der Räumung und damit vor dem möglichen Ende seiner Nutzung als selbstverwalteter Kulturort. Erst durch langwierige Verhandlungen zwischen Eigentümer, Politik und der Stiftung Edith Maryon konnte der Fortbestand der Ackerstraße 169 gesichert werden. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistete der Erwerb des Grundstücks durch die Stiftung im Jahr 2012. Diese Einigung gilt heute als einer der bekanntesten Erfolge im Kampf um den Erhalt selbstorganisierter Kulturorte in Berlin.

Das Haus hat sich im Laufe der Zeit zu einem lebendigen, nicht-kommerziellen Kulturort in Berlin-Mitte entwickelt. Im „Schokoladen“ finden regelmäßig Konzerte mit einem breiten musikalischen Spektrum statt; auf der Bühne standen dabei auch Bands wie Die Ärzte, Fontaines D.C. oder Beatsteaks. Ergänzt wird das Kulturangebot durch die ehemaligen Fabrikgebäude im Hof, die heute Künstlern sowie Kreativen Raum zum Arbeiten bieten. Darüber hinaus umfasst das Gelände Proberäume, Veranstaltungsflächen und verschiedene Initiativen und ist vielen Berlinerinnen und Berlin auch als Kulturensemble mit Theater, Ateliers, Werkstätten und literarischen Projekten bekannt.

Wichtiger Bezugspunkt für die Berliner Stadt- und Kulturszene

In einem Viertel, das sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat, ist das Gebäude für viele in der Berliner Stadt- und Kulturszene ein wichtiger Bezugspunkt geblieben. Es erinnert daran, dass Berlin seinen Charakter nicht nur durch große Bauprojekte und Investitionen erhält, sondern auch durch Menschen, die Räume gemeinschaftlich gestalten, nutzen und bewahren. Während viele der bekannten Wohn- und Kulturprojekte der Nachwendezeit verschwanden oder kommerzialisiert wurden, gehört der Schokoladen zu den wenigen, die bis heute bestehen. Er gilt deshalb oft als einer der letzten sichtbaren Zeitzeugen der alternativen Kulturbewegung der frühen 1990er Jahre.



Beitrag veröffentlicht am 07.06.2026




Sie lesen den Artikel
Ackerstraße 169 in Berlin-Mitte. Vom besetzten Haus zum Wohnprojekt



+49 (0)211 16376949
© THOMAS KLINGBERG


© THOMAS KLINGBERG