Plakate von SOS Kinderdorf und den Berliner Wasserwerken in Berlin Moabit zeigt Lebenswirklichen von Kindern

Malou will nach Hause
Berlin-Charlottenburg, 2022

Malou und das Berliner Leitungswasser: Ein Moment urbaner Ironie

Ich war in Berlin-Charlottenburg unterwegs, als mir zwei nebeneinander hängende Plakate auffielen. Ein zufälliger Moment, aber er hat mich nachdenklich gemacht. Nicht wegen der Werbung an sich, sondern wegen der ungeplanten Spannung, die zwischen diesen beiden Bildern entstand.

Links das Bild eines Mädchens, der Blick ernst, fast leer. Darunter die Worte: „Malou möchte nach Hause. Aber das gibt es nicht mehr.“ Ein Plakat der SOS-Kinderdörfer, das von Verlust erzählt – nicht symbolisch, sondern ganz konkret. Es verweist auf Kinder, deren Zuhause durch Krieg, Flucht oder Armut zerstört wurde. Kinder, für die es kein Zurück gibt, weil ihr Leben aus den Fugen geraten ist. Die Botschaft ist klar: Das ist kein fernes Drama, das man abschütteln kann, sondern Realität für Millionen. Nicht, um zu schockieren, sondern um sichtbar zu machen, was in unserer Welt oft ignoriert wird.

Direkt daneben: Ein Plakat der Berliner Wasserbetriebe. Ein anderes Kind, lachend, mit offenem Mund unter einem Wasserhahn, aus dem sauberes Wasser in den Sommer tropft. Die Botschaft: „Ganz klar für Berlin.“ Frisch, fröhlich, funktional. Trinkwasser als Selbstverständlichkeit, als öffentliches Gut, das man sich nicht einmal bewusst macht – einfach da, wie es sein soll.

Auf der einen Seite ein Aufruf zur Empathie, auf der anderen die stille Selbstverständlichkeit unserer sicheren, versorgten Lebenswelt. Ein Kind, das alles hat, was man braucht – neben einem Kind, das nicht einmal mehr ein Zuhause hat.

Diese Szene, in ihrer stillen Wucht, ist ein kleines Beispiel für das, was ich „urbane Ironie“ nenne – die unerwarteten, manchmal unbequemen Gegensätze, die unser Stadtleben prägen. Überall, in den Straßen Berlins und anderswo, begegnen wir solchen Momenten: Ein Lachen neben einer Mahnung, Überfluss neben Verlust, Sichtbares neben Unsichtbarem. Sie sind Teil unseres Alltags, oft unbemerkt, weil sie so selbstverständlich sind.

Doch gerade diese Begegnungen eröffnen die Möglichkeit, genauer hinzusehen – nicht um zu urteilen, sondern um wahrzunehmen. Sie fordern uns nicht heraus, sie öffnen uns eine kleine Tür zu den komplexen Geschichten hinter den Fassaden. Malou und das Leitungswasser stehen hier nebeneinander und erzählen uns leise, was wir manchmal vergessen: Dass das Leben in der Stadt aus vielen Welten besteht, die gleichzeitig existieren. Vielleicht ist genau darin die Kraft dieser urbanen Ironie: Sie zeigt uns, wie eng Glück und Not, Freude und Sorge miteinander verflochten sind.



Beitrag veröffentlicht am 01.08.2025




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© THOMAS KLINGBERG


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